
Wir, die Cheeky Lionettes, sind aus Riesa zurückgekehrt und haben den Pokal für den 12. Platz im Gepäck. Wir sind damit von rund 80 gestarteten das zwölftbeste Team in ganz Deutschland!
Es wäre von unserem sportlichen Leistungsstand durchaus sehr viel mehr drin gewesen, doch wir Cheekys waren am Meisterschaftstag echt vom Pech verfolgt. Der Vormittag verlief sehr gut für die 17 Aktiven und uns zwei Coaches: die Generalprobe vor Ort lief einwandfrei und ohne Wackler. Wahrscheinlich hätte sie das besser nicht tun sollen, denn das brachte uns eine Menge Unglück... Es ist 13.oo Uhr, die Erdgasarena bebt und die mitgereisten 115 Leipziger Fans machen Krach bis zum Umfallen und schwenken die Lions-Fahnen. Unsere Mädels sind sehr aufgeregt, es ist schließlich ihre allererste Deutsche Meisterschaft. Wer es hierher schafft, gehört bereits zu den 15 besten deutschen Teams und dieser Ehre sind wir uns durchaus bewusst. Die Teams laufen nach Bundesländern geordnet ein und die ganze Halle singt die Nationalhymne. Spätestens jetzt realisiert jeder, dass es sich hier um einen nationalen Wettkampf handelt und alle bekommen Gänsehaut. Die Teams ziehen sich in ihre Umkleiden zurück und warten auf ihren Auftritt. Wir haben noch 3 Stunden bis zum großen Moment, machen uns am Make up und den Frisuren unserer Rasselbande zu schaffen. Das Ganze dauert 2 Stunden, wir sind schnell fertig mit dem Aufhübschen unserer Süßen.Jetzt ist es nur noch eine Stunde bis zu unserem Auftritt Zeit, dass sich die Mädels erwärmen und wir einiges nochmal durchgehen, bevor es ernst wird. Die Cheekys tumblen sich warm und dabei passiert es dann: eine unserer Kleinen verletzt sich beim Flick Flack. Sie kann ihren Arm nicht mehr bewegen und hat starke Schmerzen. Der Sanitäter kommt, will sie zum Röntgen schicken. Auf die Frage, was mit ihr passiert und ob sie in einer Stunde zu unserem Auftritt fit ist, lächelt der Rettungshelfer nur: Das wird wohl nichts. Das war so ziemlich das Schlimmste, was er uns hätte sagen können. Wir hatten drei Ersatzleute dabei, alle drei Bases bzw. Backspots. Welche Position fällt aus? Ein Flyer. Na klar. Das Mädchen wird ins Krankenhaus gefahren, für die weiteren 16 Aktiven bricht eine Welt zusammen. Kein Ersatz, kein Plan B und nur noch 45 Minuten bis zu unserem Auftritt. Das Team ist am Ende, alle weinen und sind demotiviert. Viele möchten den Auftritt absagen und gar nicht erst auf die Matte gehen. Sie möchten nicht zur Deutschen Meisterschaft fahren, um Letzter zu werden. Insgesamt 20 Cheekys stehen vor uns Coaches, weinen bitterlich und möchten nicht mehr starten, weil sie den Sinn darin nicht mehr sehen. Es ist manchmal echt schwer, Trainer zu sein... Nach einigen ratlosen Minuten und kurzer Absprache zwischen uns zwei Coaches sind wir bereit, das gesamte Programm umzustellen. Wir müssen unsere Mädels trösten, unseren eigenen Kloß im Hals runterschlucken und das Beste draus machen. Aufgeben werden wir nicht. Nicht einfach so. Nicht ohne alles versucht zu haben. Wir werden unsere erste Chance, bei der DM teilzunehmen, nicht kampflos in den Sand setzen. Doch egal was wir machen, es muss schnell gehen, in 30 Minuten müssen wir auf die Matte. Da kommt eine unserer kleinen Püppis zu uns Coaches, schaut uns mit Hundeaugen an und sagt voll überzeugt Ich möchte es probieren, sie zu ersetzen.Ich schaff das!. Gut, eine andere Wahl haben wir sowieso nicht. Also müssen wir es versuchen. Man glaubt es kaum, doch die Kleine hat es mit ihren 12 Jahren tatsächlich geschafft, uns aus den Socken zu hauen. Sie hat Dinge probiert, die sie zum Teil noch nie vorher gemacht hat und alles klappte. Viele Teams haben von unserem Schicksal erfahren und mitgefiebert. Es können zwar nicht alle Stellen des Programms gekittet werden, es fehlt einfach an zu vielen Stellen. Aber das Nötigste und Wichtigste haben wir ersetzt und es klappt. Die ganze Aufwärmhalle applaudiert. Gut, es klappt soweit, wenn auch unsicherer als vorher. Aber es bleibt keine Zeit zum Nachdenken, unsere Cheekys müssen auf die Matte sich der Jury stellen. Es gibt keine Sympathiepunkte, wir werden genauso hart bewertet wie alle anderen. Denn die Juroren wissen natürlich nichts von dem Ausfall und dem Stress der letzten 30 Minuten. Ganz im Gegenteil zu unserem Fanblock, der auf dem Laufenden gehalten wurde und mitfieberte. So laut war wahrscheinlich noch nie ein Fanblock der Leipzig Lions. Gut für die Mädels, doch schlecht für die Nervosität und blank liegenden Nerven. Noch ein paar tröstende und aufbauende Wort von uns Coaches an die Aktiven und dann werden sie vom Moderator angekündigt. Die Halle bebt, in den Mädels brodelt es ebenfalls. Die Musik läuft, sie geben ihr absolut Bestes. Wir Coaches sitzen vor der Matte und ich muss anfangen zu weinen. Auch ich halte die Anspannung nicht mehr aus. Die Cheeky Lionettes schlagen sich tapfer, doch die Unsicherheit ist zu spüren. Die Sorge um das verletzte Teammitglied im Krankenhaus, die Angst zu versagen, die Enttäuschung über verlorene Punkte, der Stress der letzten halben Stunde alles wird mit riesigem Spirit und tollem Ausdruck überdeckt, doch alles ist ihnen anzumerken. Das schlägt sich im Programm nieder, es gibt mehrere Drops. Drei Stunts stürzen ein und das Tumbling will auch nicht klappen. Als das Programm nach 3 Minuten vorbei ist, jubeln die Fans, doch die Mädels sind erschöpft und ausgelaugt.Kaum hinter der Bühne angekommen, bricht eines unserer Mädchen zusammen. Kreislaufprobleme. Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen, zu niedriger Puls. Sanitäter kümmern sich um sie. Dann die nächste, die einfach umfällt vor Erschöpfung und Stress. Die nächsten Sanitäter kommen zur Hilfe und auch sie wird versorgt. Keine zwei Minuten später liegt bereits die dritte am Boden. Die gleichen Symptome wie die zwei anderen. Die Sanitäter denken, wir quälen unsere Sportler mit Absicht. Sportlich überfordert waren sie jedoch nicht, denn sie konnten alles, was wir von ihnen verlangten. Der Stress der letzten halben Stunde war ihnen nur zu Kopfe gestiegen und das, was sie die in den 3 Minuten Auftritt verdrängt hatten, um 100 Prozent zu geben, brach nun aus. Hinter der Bühne lagen unsere Mädels entweder auf dem Boden umringt von Sanitätern oder saßen weinend in der Ecke, unzufrieden mit dem gerade gezeigten Programm. Das ist eine echte Herausforderung für einen Coach. Bei dem Trösten der Schützlinge und dem Pflegen der Kranken haben eigene Gefühle keinen Platz. Die Veranstaltung läuft noch knappe drei Stunden. Wir entlassen die Sportlerinnen zu ihren Eltern auf die Tribüne und versorgen die sich langsam erholenden Kreislaufpatienten mit genügend Getränken und einer Stärkung vom Essenstand. Nach einer Zeit geht es allen Cheekys körperlich gut, doch der Unmut über das schlechte Programm und die Hilflosigkeit in solch einer Situation, auf die man nicht vorbereitet ist, macht allen zu schaffen. Besser als den letzten Platz schätzt uns niemand ein, die Meisterschaft ist für uns gelaufen. Wir sehen uns keine weiteren Teams an, warten nur noch auf die Siegerehrung. Fest mit dem 15. Platz rechnend (was soll es sonst werden, nachdem eine Person im Krankenhaus ist, das Team alles 30 Minuten vorher umstellen musste und drei Leute einfach nach dem Auftritt zusammenbrechen?) gehen wir mit den anderen Teams auf die Bühne. Die Spannung steigt und alle hoffen auf ein Wunder. Platz 15 wird genannt, wir sind es nicht. Erleichterung. Platz 14, Platz 13 werden auch genannt, wir sind es nicht. Hat die Jury sich verrechnet? Platz 12 wird verkündet, es fällt unserer Name und die Mädels sind aus dem Häuschen. Damit hat niemand mehr gerechnet. Für andere ist es nur der 12. Platz, für uns in dem Moment ein echtes Wunder. Nach all dem Pech, dem Stress, der Angst, der Enttäuschung und Demotivation ist der 12. Platz ein wahres Geschenk. Wir sind sichtlich erleichtert und glücklich über die gute Platzierung trotz der vielen Unglücke.
Wir wissen zwar, dass wir mit dem eigentlichen Programm wahrscheinlich unter die besten 5 gelandet wären, aber was solls. Wir Coaches und das Team sind sehr stolz, dass wir das so gut gemeistert haben. Es war das Schlimmste, was passieren konnte und wir haben das Beste draus gemacht. Die Cheekys haben trotz anfänglicher Missstimmung und Angst starke Nerven und Ehrgeiz gezeigt. Sie haben nicht aufgegeben, sondern sich der Herausforderung als geschlossenes Team gestellt. Sie haben gekämpft, sie haben ihre Tränen unterdrückt, sie haben zusammengehalten, sie haben Mut und Stärke bewiesen. Auch, wenn im Moment des Auftritts nicht alles geklappt hat, so hat es doch hinter der Bühne geklappt und alle wussten, dass es nur die Nervosität war, die ihnen einen Strich durch die Rechnung zog. Der Wille und die Stärke waren spürbar und das hat gezählt. Es war ein unglücklicher Tag für unser Team, doch niemand wird ihn so schnell vergessen. Denn er hat uns stärker gemacht. Wir wissen, dass man nicht einfach aufgeben darf und dass es sich immer lohnt zu kämpfen. Wir sind echte LIONS und am 1.3.2008 haben wir, die Cheeky Lionettes, wirklich Zähne gezeigt und uns nicht unterkriegen lassen. Wir Coaches sind sehr stolz auf unsere Mäuse, dass sie die 3 Minuten durchgezogen und alles gegeben haben. Manch anderer hätte aufgegeben, doch wir haben unserem Namen alle Ehre gemacht und Kampfgeist gezeigt. Nächstes Jahr machen wir es besser und werden allen zeigen, was wir wirklich können. Wir sind zu Boden gerissen worden, doch wir stehen wieder auf und sind stärker als zuvor. Unser Team ist das tollste der Welt, dessen sind sich nun alle bewusst. Auch wir Trainer lieben unseren Chaoshaufen über alles. Jetzt noch mehr als zuvor. Und das sollten sie wissen.